Die ersten Tage in Nordkalifornien sind nicht gut. Ich fühle mich krank und demotiviert. Dazu kommen Hitze, viele Höhenmeter und lange Wandertage. Ich vermisse Willi und Steppi und so richtig überzeugt von unserem Plan bin ich auch nicht. Wir laufen ab jetzt von der Grenze Oregon/ Kalifornien Richtung Süden und hoffen, dass die Sierras in den zusätzlichen Wochen etwas beherrschbarer werden. Aber wenn ich logisch darüber nachdenke, ist es sehr unwahrscheinlich, dass der Jahrhundert-Schnee in den Sierras in 4 Wochen taut. Eher im Gegenteil: Ich erwarte, dass die Flüsse noch reißender werden. Aber nun sind wir hier. Und ausserdem bin ich immer noch mit den Menschen unterwegs, die ich gern habe (Clumsy, Apollo, Max, Eduardo, Irish). Also versuche ich, das Beste draus zu machen und den Trail zu genießen.
Von Medford bekommen wir eine Fahrt von Trail Angels zum Trailhead. Die Landschaft ist komplett verändert. Wir wandern durch dichten Wald und über saftige Wiesen. Alles erinnert mich ein bisschen an Österreich. Als ich Kuh-Glocken höre, spielt mein Gehirn mir wohl einen Streich. Aber von wegen! Als ich die Kühe entdecke, denke ich, ich bin im falschen Film. Sie liegen im Schatten zwischen Bäumen und schauen mich ebenso verdutzt an, wie ich sie. Vor dem langen Aufstieg in der Hitze habe ich Respekt, aber im Schatten geht es ganz gut. Außerdem gibt es hier so viele Wasserquellen, dass wir nicht viel Wasser tragen müssen. Dasbist gut, denn das Gewicht von 6 Tagen Essen hat es in sich. An der höchsten Stelle gibt es dann sogar Trail Magic in Form von kühlen Getränken. Die anderen sind schon im Camp als ich eintrudle. Wir essen und legen uns in die Schlafsäcke. Morgen klingelt 4:30 Uhr der Wecker. Wir wollen an meinem Geburtstag in Seiad Valley sein und muessen deswegen an den nächsten beiden Tagen je 37km laufen. Ein tollkühner Plan bei den Höhenmetern und meiner derzeitigen Verfassung.















Als dann am nächsten Tag der Wecker klingelt, muss ich mich wirklich aufraffen. Mir ist eher nach ausschlafen und ich bin total demotiviert. Den ganzen Tag schleppe ich mich nur halbwach dahin. Ich habe etwas Heimweh. Aber was nutzt es. Ich setze einen Fuß vor den anderen und versuche, die Aussichten zu genießen. Wir treffen jetzt so viele Leute an einem Tag, alles NOBOs. Mit manchen kann man einen netten Plausch halten, andere sind merkwuerdig. Unter den NOBOs ist auch Sandra, die ich aus Leipzig kenne. Sie ist einen Monat vor mir gestartet. Eine schöne Überraschung. Ansonsten durchqueren wir heute viele verbrannte Wälder und müssen unentwegt über umgefallene Bäume kraxeln. Alle warnen uns, dass es noch viel schlimmer wird. Das sind ja gute Aussichten. Am Tagesende versuche ich gar nicht mehr, mit den anderen Schritt zu halten und mache eine längere Pause an einer schönen Aussicht. Um Zeit zu sparen, baue ich im Camp mein Zelt nicht auf, sondern cowboycampe mit Max.












Heute ist mein Geburtstag. Um 4 Uhr klingelt der Wecker. Ich bin von Mücken zerstochen und habe kaum geschlafen. Sterne gab es auch keine zu sehen, dafür hat der Vollmond mir die ganze Nacht ins Gesicht gestrahlt. Guter Start also. Wir haben 37km vor uns, davon allerdings 2300hm Abstieg. Am Morgen geht es gut voran bis wir auf einen verbrannten Abschnitt treffen, in dem der Weg kaum erkennbar ist. Wir müssen alle 2m über Baumstämme klettern und sind extrem langsam. Die anderen verlaufen sich. Clumsy und Apollo sogar 2x. Ich bin also sehr verwundert als Rob mich an der Wasserquelle fragt, wo die anderen sind. Sie waren doch vor mir!? Ich gehe weiter. Die anderen holen mich sowieso immer ein. Unterwegs treffe ich eine Familie mit zwei Kindern (6+10 Jahre), die den Trail laufen. Es lässt sich also vereinbaren. Gegen 15 Uhr habe ich den Aufstieg hinter mir und es geht an den Abstieg. Es ist so heiß und steil und ich habe einfach keine Lust! Meine Beine brennen von der Hitze und den ganzen Kratzern. Obwohl ich einigen Vorsprung hatte, holen mich Max und Apollo ein. Das ist immer sehr deprimierend. Clumsy hatte einen kleinen Zusammenbruch (sie sind vom Weg abgekommen und in eine gefährliche Situation geraten) und läuft mit Irish die Strassenalternative. Der Abstieg zieht sich ewig. 200m müssen wir uns durch dichtes Gestrüpp kämpfen. Meine Beine bluten von all den Kratzern. Als ich wieder mal als Letzte ankomme, bin ich komplett fertig und kann gar nichts mehr genießen. Und das an meinem Geburtstag. Was mich aufheitert, sind die lieben Nachrichten und Videos, die mich an diesem Tag erreichen. Danke dafür ❤️






















Ich habe mir zum Geburtstag gewünscht, dass wir ausschlafen. Also klingelt der Wecker erst 6:30 Uhr. Ich bin schon 5 Uhr wach und setze mich auf die Terrasse des Campingplatzes um Nachrichten zu beantworten und werde in Gespräche mit anderen Wanderern verwickelt. Es ist schwer ein paar ruhige Minuten zu finden. Zum Frühstück geht es in das Cafe des Miniortes. Danach stehen 10km Straßenwanderung an mit anschließendem 1400hm Aufstieg in Hitze. Es ist so heiß, dass meine Gummibärchen zu einem Batzen zusammenschmelzen. Im Schatten und mit Badepausen in Flüssen ist der gefürchtete Aufstieg aber sehr gut zu schaffen. Ich habe gute Laune, höre Musik und singe laut mit. Leider etwas zu übermütig, denn beim Übersteigen eines umgefallenen Baumes reiße ich mir mein Bein auf. Es blutet und ist verdreckt. Also muss ich anhalten und mein Medizinpack ganz unten aus dem Rucksack fischen. Nach der Wundversorgung ist die Stimmung etwas gedämpft. Aber es ist glücklicherweise nicht mehr weit zum Camp. Dort reinigt Clumsy (Krankenschwester) nochmal nach und der Tag geht mit „leckerem“ Instantkartoffelbrei zu Ende.
















Der nächste Tag ist für mich einer der härtesten auf dem Trail. Die Gruppendynamik verlangt viele Kilometer bei 1800hm Aufstieg. Es ist landschaftlich schön, aber ich kann es nicht genießen. Als wir 18 Uhr den letzten Abschnitt in Angriff nehmen, habe ich im schwierigen Terrain einen kleinen Nervenzusmmenbruch. Der steile Abhang, die loosen Steine, die umgestürzten Bäume, die Schneefelder und die drohende Dunkelheit machen mir zu schaffen. Ich mache einen Fehler nach dem anderen und stolpere nur so vor mich hin. Apollo wandert schließlich mit mir und bringt mich sicher ins Camp, dass wir erst 21 Uhr erreichen. Ich bin fertig und gehe ohne Essen ins Bett. Ich frage mich, ob ich den Trail so weiterlaufen will. Klar, wir schaffen unsere Kilometer, aber genießen ist etwas anderes. Ich bin einfach so müde und kaputt. Mit diesen Gedanken schlafe ich ein.












Am nächsten Tag geht es 5 Uhr gleich weiter. Es sind noch 25km bis nach Etna, was wir zum Mittag erreichen wollen. Ich bin noch erschöpft und aufgewühlt von gestern. Der Trail ist wieder mühsam (loses Gestein, Auf und Ab, teileise steil). Ich bin noch aufgewühlt von gestern und verliere wieder schnell den Anschluss. Mein linkes Handgelenk schmerzt und ich kann meinen Stock nicht richtig halten. Ich bin frustriert und demotiviert. Mir entgegen kommende Wanderer berichten, dass Apollo 1 Stunde vor mir ist. Ich bin so sauer auf meinen Körper. Warum kann ich nicht schneller laufen? Langsam stolpere ich vor mich hin und entschließe am nächsten Tag länger Pause zu machen. Wie ich die anderen kenne, stürzen sie am Morgen direkt weiter. Aber ich brauche Pause. Auch wenn es bedeutet, dass ich alleine weitergehen muss. Später treffe ich einen anderen Wanderer, der mir ausrichtet, dass Apollo auf mich wartet und mich anfeuert. Nocj lange höre ich sein motivierendes „You go girl wohooo“ und laufe motiviert und gerührt weiter. Das hat mich wirklich gerettet. Als ich die Straße erreiche, hat Apollo 1,5 Stunden auf mich gewartet und eine Mitfahrgelegenheit organisiert. Sie meint, sie würde mich niemals alleine trampen lassen. Was für eine schöne Geste. In der Stadt angekommen berichtet jeder, wie es ihm so geht und es stellt sich heraus, dass es auch anderen so geht und jeder eine Pause nötig hat. Eduardo ist einen Abhang abgestürzt, Clumsy hat bei einem Sturz ihren Stock zerbrochen und alle sind ausgelaugt. Manchmal hilft ein offenes Gespräch. Wir essen, duschen, kaufen ein und bauen unser Zelt im Park auf. Morgen wollen wir es ruhig angehen. Also geht es doch nicht alleine weiter.





Bis zur nächsten Stadt, Shasta, sind es 5 Tage, die wir ruhiger angehen. Wir machen mehr Pausen und kürzere Tage. Abends spielen wir Karten. Eine Mittagspause verbringen wir an einem See, in dem wir lange baden. Auch die Landschaft ist schöner. Es gibt kaum verbrannten Wald und die Aufstiege sind flacher. Ich bekomme langsam wieder etwas Mut und genieße das Wandern mehr. Wir laufen häufig zusammen und quatschen über dies und jenes. Am letzten Tag vor der Stadt habe ich wieder Energie getankt und wandere sogar weiter als der Rest. Am Ende stelle ich erfreut fest, dass ich 42km gelaufen bin und mampfe mein Abendessen in friedlicher Stille mit Blick auf Mount Shasta und Castle Rock. Als ich etwas Schiss bekomme, alleine zu zelten schreibe ich Eduardo. Er war schon unterwegs und sollte in einer Stunde bei mir sein. Beruhigt schlafe ich ein. Die restlichen 27km am nächsten Tag legen wir gemeinsam zurück. Meine Durchschnittsgeschwindigkeit beträgt 5 km/h. Das macht mich stolz. In der Stadt angekommen, gibt es das übliche Programm (duschen, Wäsche). Anstelle des Resupplys gehen wir lecker Essen und teilen unsere Gedanken. Die restlichen Stadtaufgaben verschieben wir auf Morgen. Nach dem schwierigen Abschnitt haben wir die Freude am Trail zurück und sind als Gruppe noch mehr zusammen gewachen. Ich fühle mich gewappnet für den nächsten Abschnitt.







































