Woche 4, 596km und zwei besondere Highlights liegen hinter uns. Wir durchqueren den San Bernardino und Angeles National Forest nördlich von LA. Der Trail führt hier Richtung Westen und überwindet viele Höhenmeter. Belohnt werden wir mit den Deep Creek Hot Springs, einem MC Donalds und genialen Aussichten. Außerdem gibt es ein paar schöne Schlangen zu sehen. Aber wieder von vorne:
Der Hitch aus Big Bear ist zäh. Niemand will uns mitnehmen, obwohl wir geduscht sind und gut duften. Auch nicht die Feuerwehrmänner mit ihrem riesigen Fahrzeug. Nach einer Weile ruft uns jemand zu seinem Auto heran. Es war ein Trailangel (Tinka), die uns zum Trail fährt! Welch ein Glück, dass sie gerade vor Ort war. Wir wandern einige Kilomter bergauf und finden einen wunderschönen Zeltplatz. Während Doodoo, Hidea und Husband ihr Cowboycamp vorbereiten, baue ich mein Zelt auf. Ich will lieber geschützt vor Insekten schlafen 🙂 Bin noch nicht bereit fürs Cowboycamp. Hab ja auch noch einige Kilometer Zeit.
Am nächsten Morgen verlasse ich das Camp vor 6 und wandere allein los. Ich liebe die ruhigen Morgen und das Gefühl, wenn die Sonne langsam alles anstrahlt und erwärmt. Meine Mütze und Handschuhe kommen in den ersten Wanderstunden zum Einsatz. Ich schätze, es ist um die 5 Grad. Nach einigen Kilometern komme ich den Genuss der ersten Trail Magic. Trail Angels bringen Essen und/ oder Getränke zum Weg. In diesem Fall gibt es Kuchen und Sandwiches von Tinka. Hmmm lecker! Der Trail verläuft für die nächsten 200/ 300 km Richtung Westen nördlich von LA. Nach einigen erklummenen Höhenmetern blicke ich zurück auf Big Bear Lake und finde einen schönen Pausenplatz im Schatten. Immer weiter schlängelt sich der Weg aufwärts. Ich durchquere eine burnt area und wundere mich über einen komisch aussehenden Stock mit Brantflecken in perfektem Muster. Ich stoße ihn etwas mit meinem Stock an und denke „hmm interessant auch noch flexibel“… Manchmal habe ich eine lange Leitung. Bei dem Stock handelt es sich um eine Schlange, die sich erst in den Busch zurückzieht und dann doch noch über den Trail kriecht. Ich bin entzückt! Was für ein Highlight. Mittags treffe ich Monica wieder, die mit mir die erste Flussdurchquerung bewältigt hat. Etwas später gesellen sich noch die anderen dazu. Max versucht sich im coldsoak (einweichen von zu Nahrung anstelle sie zu kochen) von Bohnen. Auch nach 16 Stunden sind sie noch nicht weich. Er genießt die knusprigen Bohnen trotzdem in seinem Wrap, was er kurze Zeit später bereut und was einige Tage später zum MC Donalds Incident führt. Dazu aber später mehr. Nach der Mittagspause geht es noch 10km durch eine Wunderlandschaft, die mich an Supermario erinnert. Schlängelnde Wege, viele Büsche mit Blüten und tolle Aussichten. Die letzten Kilometer ziehen sich aber manchmal auch in den schönsten Landschafen wie Kaugummi und so bin ich froh, den Zeltplatz zu erreichen. Und was das wieder für einer ist: mit Sitzgelegenheiten aus Baumstämmen und einem Fluss zum Baden und Waschen. Der kleine Wasserfall gibt uns das Gefühl eines natürlichen Spas. Die anderen kommen kurz nach mir an. Max ist gezeichnet von unschönen Erlebnissen, die mit dem Verzehr der ungekochten Bohnen zusammen hängen. Ich gebe ihm meine Tabletten und er zieht sich in sein Zelt zurück. Hoffe, sie halten, was sie versprechen…
Am nächsten Tag haben wir noch 25km zu den Hot Springs vor uns. Wir freuen uns. Besonders Max, denn er bricht noch vor mir auf. Der Weg folgt der Holcomb Creek, die ein tiefes Tal in die Berge schneidet. Der Weg ist an einen Abhang geschmiegt und leicht schräg. Das geht auf meinen Knöchel. Trotzdem geht es gut voran und nach einer Brücke stehe ich vor dem 300 Meilen Marker! Nach den obligatorischen Fotos geht es weiter und ich erreiche gegen 16 Uhr die Hot Springs. Max und Husband sind schon da und wir springen in den Fluss. Brr kalt. Nach einem kurzen Schwimmstück klettern wir in die heiße Quelle. Wie entspannend. Die nächsten Stunden verbringen wir abwechselnd im kalten und heißen Wasser. Es gesellen sich neue Hiker dazu: Stepan und Willi aus Tschechien und Kurt aus Vermont. Durch die Nähe zur Zivilisation gibt es auch viele Tageswanderer. Es riecht nach Gras und manche davon sind auch von anderen Genussmitteln geprägt. Am Tagesende liegen wir alle im Pool bis es dunkel wird. Gegen 9, nach Hiker Midnight, ziehen sich alle in ihren Schlafsack zurück. Während wir friedlich schlummern wirbelt eine andere Gruppe (Tageswanderer) zu schrillem Gelächter ihre Zelte durch die Luft.
Nach einem entspannten Morgenbad geht es erst gegen 10 los. Normalerweise habe ich um diese Uhrzeit schon 15 km zurückgelegt. Während die Gruppe noch etwas an den Hotsprings bleibt, treibt es mich weiter. Es gibt heute einen langen Bereich, in dem man nicht campen kann. Also kann ich entweder 20km oder 36km laufen. Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit tendiere ich eher zu 20km. Der Weg verläuft oberhalb des Flusses entlang eines Abhangs. Meine armen Knöchel. Geneigte Wege tun weh! Nach einigen Kilometern komme ich zur Deep Creek. Schon vorher habe ich gelesen, dass man hier seinen Rucksack besser über dem Kopf trägt. Ich bin alleine und suche nach einer geeigneten Querung. Unschlüssig stehe ich etwas rum. Die Strömung ist nicht stark. Es ist nicht gefährlich, aber mein Rucksack sollte nicht baden gehen. Als eine Frau mit ihrem Hund vorbeikommt, bitte ich sie, kurz zu warten, falls etwas schief geht. Ich stopfe meine Klamotten in den Rucksack und gehe in Unterwäsche und dem Rucksack über dem Kopf los. Schön erfrischend. Das Wasser geht bis zur Brust und wird seichter. Easy denke ich. Als es dann 2m vorm Ufer wieder tiefer wird und ich fast eine kleine Stufe runterrutsche drehe ich mich etwas nach rechts. Nochmal schultertief und ein beherzter Schritt und ich habs geschafft! Ich setze mich in den Schatten und feiere die Flussdurchquerung mit einem Mittagswrap als Rango ankommt. Er will meiner Route folgen, aber packt vorsichtshalber nochmal wasserfest neu. Währenddessen kommt ein weiterer Wanderer und geht schnurstracks ins Wasser. Er scheint zu wissen, was er tut. Ich will ein Foto von ihm machen und ihn vor der Stufe warnen, aber zu spät. Ich höre ihn unterblubbern und sein Rucksack schwimmt im Wasser. Rango packt seinen Rucksack danach nochmals wasserfester. Der Wanderer kommt klitschnass aus dem Fluss, schultert seinen Rucksack und zieht hustend von dannen. Eine Stunde später sehe ich ihn an einer sonnigen Stelle, an der er seinen gesamten Rucksackinhalt trocknet. Hoffentlich wird der Schlafsack bis zum Abend trocken… Wir schlagen ihm den Trailnamen Splash vor. Obwohl seine Kamera und sein Handy vom Bad wohl Schaden genommen haben, kann Splash darüber lachen. Er kommt übrigens aus dem Nachbardorf von Cyril und ging in Cyrils Stadt zur Schule. Die Welt ist ein Dorf. Honza überholt mich später an einer Wasserquelle, an der ich eigentlich zelten wollte. Es ist erst 16 Uhr und ich beschließe auch weiter zu gehen. Wir verabreden uns für die Zeltstelle, an der auch Willi und Stepan übernachten wollen. Alle sind vor mir, es ist schon 16 Uhr und noch 16km. Es sollte aber vor Einbruch der Dunkelheit zu schaffen sein. Ich gehe schnell (für mich schnell, für andere langsam) und mache wenig Pause. Trotzdem brauche ich lange und kämpfe mit meinen Füßen und Knien. Es nützt nichts, ich muss es bis dorthin schaffen. Vorher sind keine Zeltplätze. Innerlich fluchend stolpere ich Meile um Meile voran und komme im Dunkeln an der verabredeten Stelle an. Ich war erleichtert und habe mich gefreut, die drei Jungs zu sehen. Aber niemand war dort. Hmm. Eigentlich sind sie zuverlässig. Wer weiß, was dazwischen kam. Ich werde es wohl am nächsten Tag erfahren. Glücklicherweise gesellen sich noch zwei weitere Wanderer dazu und ich bin nicht alleine. Der Zeltplatz ist ein Picknickplatz und etwas gruselig. Die Jungs machen es sich auf den Tischen bequem. Sie haben keine Angst, dass sie runterfallen. Ich baue mein Innenzelt auf (Insekten) und schlafe schnell ein. Der Tag war echt anstrengend.
Heute steht DAS Highlight an: ein MC Donalds am Trail. Die Aussicht auf Burger und Milchshakes treibt uns an. Nach einer Weile taucht Honza hinter mir auf. Er war an einer anderen Stelle zum Schlafen. Wir haben uns missverstanden. Er war auf dem richtigen Zeltplatz 1km vor der Stelle. Dann taucht Stepan auf, der ca. 500m von mir entfernt war. Der Picknickplatz war sehr groß. Wegen eines Zahlendrehers hat mich seine Nachricht nicht erreicht. Wir laufen zusammen und die Zeit vergeht wie im Flug. Später überholt uns Willi. Er ist unfassbar schnell und schlendert lässig vorbei, während sich bei mir schon wieder die Knöchel melden. Die Jungs gehen vor und ich laufe mein Tempo bis das MC Donalds in Sicht kommt. FREUDE!!! Schon seit gestern überlegen wir, was wir essen wollen. Der Gastraum ist voller lächelnder Hiker. Wir schlagen uns die Bäuche voll. Mehrmals wird nachgeordert. Voller Power geht es weiter. Ich will so weit es geht vom lauten Highway wegkommen und peile einen Watercache an. Mit der untergehenden Sonne komme ich an und baue mein Zelt auf. Mein Abendbrot besteht aus Burgern 🙂 Willi und Husband sind verrückt und wandern noch viel weiter. Sie wollen am nächsten Tag einen Berg erklimmen (Wandermaschinen!!!). Stepan ist auch vorangegangen, weil er es am nächsten Tag in die Stadt schaffen will. Bin gespannt, ob ich die beiden wiedersehe.
Bis Wrightwood sind es knapp 30km und zwar steil bergauf. Die Strecke ist zwar an einem Tag schaffbar, aber ich will lieber morgens in der Stadt ankommen und lasse mir Zeit. Im Tal ist es angenehm frisch und der Aufstieg ist herrlich. Die Aussichten sind wunderschön. Ich höre Sprachnachrichten (Lkays Podcast) und renne bergauf. Dann wird es zäh. Sehr zäh und heiß dazu. Manon, Hidea und Rango holen mich ein. Wir machen viele Pausen und erreichen schließlich den vorgesehenen Zeltplatz. Mit uns ein Franzose, der 17 Tage nach uns gestartet ist. What the fuck! Er geht min. 50km am Tag. Aber er langweilt sich auf dem Trail. Die soziale Komponente macht doch einiges aus, denke ich. Plötzlich taucht Olivier auf. Immer wieder diese schönen Überraschungen! Wir essen gemeinsam und tauschen den neuesten Tratsch und Klatsch aus. Hidea berichtet von seinem Erlebnis bei MC Donalds (der incident). Die Tabletten hielten, was sie versprechen. Und zwar ganze 3 Tage lang… Bis zu den 2 Milchshakes und den vielen Burgern bei MC Donalds. Wir halten uns die Bäuche vor lachen und gehen mit Sonnenuntergang ins Bett.
Am nächsten Tag erreichen wir nach 10km den Highway und werden von unserer Gastgeberin abgeholt. Es geht in die Stadt, wo wir Husband und Willi zum Frühstück treffen. Abends kochen wir, duschen und schauen Rango. Am nächsten Tag kaufen wir ein, essen nochmal ordentlich und treffen Clumsy, Apollo und Eduardo. Ich wusste gar nicht, dass sie auch in der Stadt sind. Muss mir unbedingt den Messenger mit dem Gruppenchat holen. Jetzt sind wir wiedet alle zusammen. Von Willi verabschiede ich mich. Er ist so schnell, dass ich ihn bestimmt nicht wiedersehe. Als wir gegen 16 Uhr zurück zum Highway wollen, hält ein Pickup! Einer meiner Bucket List Punkte: ein Hitch auf der Ladefläche eins Pickups. Zu acht quetschen wir uns mit den Rucksäcken rein und los geht die Fahrt. Es macht Spaß, wird aber kalt als wir die Wolkenschicht erreichen. Durchgefroren erreichen wir den Ausgangspunkt am Highway und ziehen wärmere und regendichte Schichten an. Dann geht es im Wolkendunst aufwärts. Morgen wollen wir zum Sonnenaufgang den Mount Baden Powell erklimmen. Es ist feucht und kalt. Als Willi ein Foto von seinem Camp oberhalb der Wolken schickt, zieht es mich dorthin. Sonne erscheint so verlockend. Eine gute Entscheidung! Der Tag endet mit einer tollen Aussicht, Wärme und einem kitschigen Sonnenuntergang. Und unerwartet sehe ich Willi doch nochmal.
Der nächste Abschnitt bis nach Agua Dulce dauert ca. 5 Tage. Davon berichte ich demnächst. Habt eine schöne Zeit und genießt die Sonne ❤️



































































































































