Die erste Woche ist vorbei. Wir haben schon 125km zurueckgelegt und sind in der ersten Stadt namens Julian um uns mit neuer Verpflegung und ich insbesondere neuen Medizinprodukten einzudecken. Die erste Woche hat an meinen Beinen und Füßen einigen Schaden hinterlassen. Meine Füße sind mit abgetapten Blasenpflastern ueberdeckt, Insektenstiche sind wegen allergischer Reaktion zu grossen roten Flecken angewachsen, an Bueschen reisse ich mir immer wieder Wunden in die Haut und zu allem Ueberfluss giesse ich mein heisses Abendessen ueber meinen Koerper, so dass auch noch ein paar Verbrennungen dazukommen. Aber es macht trotzdem noch Spass. Gehoert vielleicht auch ein bisschen dazu. Mein Medizinkit umfasst jetzt jedenfalls ein grosses Angebot an Blasenpflastern, Leukotape, antibakteriellen Tuechern, Cremes gegen Verbrennungen und ganz vielen Pflastern in verschiedenen Groessen. Meine Blasen merke ich jetzt nur noch am Abend. Sie sind eingepackt unter Blasenpflaster, Leukotape und zwei paar Socken.
Am 4. Tag starte ich vom Zeltplatz in Mount Laguna schon 5:45 Uhr! Wenn man hier bis um 6 Uhr schlaeft, ist man Langschlaefer. Wir wandern knapp 19km (und erreichen zwischenzeitlich den 50-Meilen-Marker: Whoop Whoop!) zu einem Picknickplatz, an dem es Wasser geben sollte. Aber was fuer welches. Der offene Tank ist mit 10cm hohen Wasser bzw. Algen gefuellt, in dem auch Raupen und Insekten schwimmen. Baeh!! Erfahrene Weitwanderer erklaeren uns, dass das gar nicht so schlecht aussieht und wir uns auf Schlimmeres einstellen muessen. WHAAAT!? Ich traue mich und filtere 1 Liter des Wassers. Danach ist mein Filter verstopft. Eine kurze Geschmacksprobe: Schmeckt OK. Trotzdem freue ich mich, als uns eine Frau auf dem Parkplatz 2l Wasser anbietet. Nehmen wir gern. Das Ekelwasser nehme ich als Notfall mit. Wir wandern noch 6km durch die gruene Wuestenlandschaft. Es gibt sehr viele Raupen, die immer staerker die Buesche bevoelkern. werden. Wenn wir stehen bleiben, hoeren wir ein Knistern. Das sind die Fressgeraeusche der Raupen! Jetzt bemerken wir auch, dass die Buschblaetter ganz abgefressen sind. Wir quetschen uns durch den gruenen Raupentunnel und kommen an einem wundervollem Zeltplatz mit genialer Aussicht. Bis zur naechsten Wasserquelle sind es zwar nur einige Kilometer, aber wir haben noch genug Wasser und wollen an diesem Platz bleiben. Es sind nur Manon und ich. Alle anderen sind bis zur Wasserquelle weitergezogen. Wir hoffen, dass wir alleine zelten koennen, um unser Angstgefuehl zu testen. Aber im Laufe des Abends gesellen sich noch einige dazu. Unter anderem ein Suedafrikaner namens Dieter. Dieter hat auch einen Schnurrbart. Der Name passt irgendwie. Er ist total nett und wir quatschen ein bisschen. Danach sucht sich jeder eine Ecke fuer sich und geniesst den Sonnenuntergang. Da Dieter das von einem Felsen ausmacht, erhaelt er von Manon den Trailnamen Simba. Er nimmt ihn an und ist ab jetzt Simba.
Am naechsten Morgen geht es zeitig los zur Wasserquelle. Die 3 Kilometer bis dahin sind absurd schoen. Immer wieder halten wir an und machen Fotos von dem Weg, der durch die aufgehende Sonne in fantastisches Licht getaucht wird und von Blumen gesaeumt ist. An der Wasserquelle treffen wir auf die anderen. Haben wohl heute mal ausgeschlafen (kommen 6:30 Uhr an). Dort sammeln sich nach und nach viele Leute, die ihr Wasser filtern. Vor uns liegen 17km ohne Wasser. Ich starte mit 5l Wasser. Uff das ist schwer. Ich bin mal wieder Bummelletzte, aber geniesse dafuer meine Ruhe. Irgendwann treffe ich auf Manon, die auf mich wartet. Das hat mich sehr geruehrt. Habe das Gefuehl, dass wir ein stillschweigendes Abkommen haben, aufeinander zu achten. Wir versuchen alle so schnell es geht voranzukommen, um die 17km zur naechsten Wasserquelle vor der groessten Hitze zurueckzulegen. Alle kaempfen am Ende. Erleichtert erreichen wir 12:30 Uhr den Wassertank. Ich habe noch etwas lauwarmes Wasser uebrig und traue mich noch nicht an das Wasser aus dem Tank. Jeder quetscht sich in die kleinen Schattenflaechen und harrt aus. Auch im Schatten ist es schwer auszuhalten und nach 4 Stunden fuehlen wir uns immernoch erschoepft. Aber es bringt ja nichts. Wir filtern das Wasser (dauert mit verstopftem Filter eeeeeewig). Es ist ertaunlich kuehl und klar. Ein geschlossener Tank macht viel aus! Viele der Gruppe bleiben fuer die Nacht dort, aber Jason (australischer Architekt), Simba, Manon und ich wollen noch ein bisschen weiter. Es ist zwar schon 17 Uhr, aber noch unglaublich warm. Den Weg finde ich ziemlich anspruchsvoll und schleppe mich nur so dahin. Waehrend morgens alles noch schoen fluffig vor sich geht, ist es abends eher eine Quaelerei. Nach fast 2 Stunden und nur 5 Kilometern erreichen wir einen Platz, an dem alle ihr Lager aufschlagen koennen. Wir sitzen zusammen und kochen gemuetlich. Dann passiert es (ich weiss nicht, wie genau): Ich schuette mir mein heisses Essen ueber den Koerper. Manon schuettet ihr muehsam getragenes Wasser geistesgegenwaertig ueber mich. Jason gibt mir ein Tuch, was ich mit Wasser anfeuchte und zum Kuehlen auf mein Bein lege. Es brennt fuerchterlich. Ich drehe mich von der Gruppe und verdruecke mir ein paar Traenen. Spaeter gibt mir Jessy, die auch dazugestossen ist, eine Creme gegen Verbrennungen. Die Hilfsbereitschaft ist riesig. Auch das ruehrt mich sehr. Hunger habe ich keinen mehr und es ist sowieso Zeit zum Schlafen. Zwei Stellen brennen noch sehr und ich kuehle sie in der Nacht und lasse mein Bein aus dem Schlafsack haengen. Danach schlafe ich schnell mit Sternenblick ein, weil ich mein Regencover heute weggelassen habe.
Am naechsten Tag schlafen wir aus und starten erst ca. 6:30 Uhr. Alle anderen sind schon 5:00 Uhr von der Wasserquelle losgelaufen und ziehen an uns vorbei. Heute ist ein besonderer Tag: Wir erreichen unsere erste Stadt! Juhu! Die 10km bis zum Highway schaffen wir bis ca. 9:30 Uhr. Es ist schon recht heiss und die Pflanzenwelt veraendert sich beim Abstieg in das Tal etwas. Am Ende laufe ich mit Manon und wir quatschen die ganze Zeit. Dann erreichen wir die beruehmte Bruecke (Scissors Crossing), die ich aus so vielen Youtube-Videos kenne. Hier zu sein ist unreal. Aber es ist ja real. Wir quatschen mit einigen Hikern, die dort im Schatten etwas ausharren, bevor sie sich an den Aufstieg machen. Trail Angels haben Obst und Wasser deponiert. Wie lieb! Danach klettern wir auf die Strasse und sehen einige andere, die ihr Glueck im trampen versuchen. Scheinbar seit einer halben Stunde recht erfolglos. Daisy jammert, dass es mental anstrengend ist und wiederholt bei jedem vorbeifahrenden Auto: „Rejection, rejection“. Sofia aus Daenemark ist sehr lustig und kommentiert alles satirisch. Ausserdem hat sich noch Jerek aus den Niederlanden und ein Paerchen aus der Schweiz eingefunden. Die wenigen Autos, die kommen, wollen uns stinkenden Hiker nicht. Ich sehe mit meinen Nudeln in den Haaren und meinen Flecken vom Abendessen auf dem Tshirt bestimmt auch abschreckend aus. Aber trotzdem klappt es: Ein Trail Angel kommt vorbei und nimmt 4 Leute mit. Danach haelt ein weiterer Truck und nimmt uns restliche 3 mit. Wir sind so gluecklich. Der Fahrer und seine Schwiegertochter sind auch gerade ein Stueck vom Trail gewandert und haben gerade Lauren (Bootsy), mit der wir auch einige Tage gewandert sind, zurueck zum Trail gebracht. Ein lustiger Zufall. Wir erfahren, dass Tiny Tim (Bootsys Freundin) verletzt ist und ein paar Tage aussetzen muss. So ein Mist! Sie ist hart im Nehmen, denn sie ist auf dem AT mit einem gebrochenen Bein gewandert! Wir hoffen, dass es fuer sie gut ausgeht. Nach einer halbstuendigen Fahrt und einigen Trailnews erreichen wir endlich die Stadt. JULIAN!
Eigentlich schreit mein Koerper nach einer Dusche, aber alle finden sich in der Bakery ein (die armen anderen Gaeste). Wir sind staubig und schmutzig und stinken ganz fuerchterlich. Ich traue mich gar nicht, meine Muetze abzunehmen. Manon leiht mir ihr Bandana. Damit gehts. Jemand hat unterwegs einen Wasserfilter und seine Wasserblase verloren, ein anderer hat es gefunden und mitgebracht. Die Wiedersehensfreude ist gross (das Gefuehl kenne ich mit meinen geliebten Schuhen). Manon und ich teilen uns ein ueberdimensioniertes Gericht aus Kartoffelwuerfeln mit Kaesesosse und Spiegelei und jeder einen Milchshake. Sehr lecker, aber echt massiv. Danach wollen wir eine Unterkunft finden. Wir sind eine grosse Gruppe. Es sieht aus wie bei einem Schulausflug. Im Julian Inn nehmen wir 2 Zimmer fuer 9 Leute. In der Rezeption sammeln sich 9 Stinkies und deren Stinkie-Rucksaecke. Im Aufenthaltsraum wohnen 3 Katzen, die richtig suess sind! Sie haben viele verschiedene Relaxmoeglichkeiten, ua. ein Gestell am Fenster.
6 von uns gehen los um die Stadt zu erkunden und Bier zu trinken. Manon (aka DooDoo), Honza (aka Husband) und ich bleiben zurueck und duschen ausfuehrlich. Herrlich!!!! Wir suchen uns ein Shirt aus der Hikerbox (ich habe meins aus Gewichtsgruenden aussortiert: dusselig hoch 10) und tragen dazu unsere Regenhosen. Der Rest wird nun schoen sauber gewaschen. Nur unsere BHs waschen wir im Waschbecken und das Wasser ist danach nur von 2 Kleidungsstücken dunkelbraun.
Am Abend erkunden wir die Stadt, die sich auf eine Strasse beschraenkt, aber viele kleine Laedchen hat. In der Wandersaison gibt es auch einen kleinen, aber gut ausgestatteten Outfitter, in dem ich mich mit Pflastern und Co, neuen Socken und einem neuen Taschenmesser eindecke. Fuer mich geht es eine Stunde zur Bibliothek (ein bisschen Rueckzug muss sein) und danach zur Reinigung von Filter und Co. waehrend sich die anderen zum Dinner zusammenfinden. Ich komme spaeter dazu und erhalte ein paar Pizzastuecke, weil es wieder riesen Portionen sind. Dazu bestelle ich einen Salat mit Blue Cheese und viel Dressing und eine Cola. Puenktlich um 8 gehts zurueck in die Unterkunft. Hier telefoniere ich lange mit Isi. Bei ihr ist schon Freitag. Sie arbeitet jetzt auf der Farm einer beruehmten Schauspielerin: Tess von McCleods Toechtern! Wow! Ich wuensche mir ein Foto von Isi mit Tess. Danach gehe ich zurueck in die Unterkunft und kuschele mich mit Manon ins Bett.
Heute ist Freitag, der 19. Mai. Wir bereiten uns auf die naechsten ca. 8 Tage bis zur naechsten Stadt vor. 160km sind es bis Idyllwild. Eine letzte Dusche, letzte Einkaeufe und dann ziehe ich mich nochmal in die Bibliothek zurueck und schreibe Blog. Dafuer bin ich auch nicht richtig Teil der Gruppe. Gleich geht es los. Wir haben einen langen Aufstieg vor uns und ca. 23km kein Wasser. Die Haelfte des Aufstiegs machen wir am Abend, die andere Haelfte dann zeitig am Morgen, wenn es noch kuehl ist. Ich bin gespannt, was die naechsten Tage so mit sich bringen. Hoffentlich keine neuen Verletzungen…
Bis bald! Habt alle ein schoenes Wochenende! Eure Binki (noch ohne Trailnamen)






































