Übergang vom Langzeitwandern zum Langzeitreisen

  • Beitrag zuletzt geändert am:5. November 2023

Ein großer Sprung im Blog: Am 17. Oktober erreiche ich nach 5 Monaten und 5 Tagen auf dem PCT die Donner Ski Ranch in Truckee – dem selbst gewählten Ende meiner Wanderung. 3800km durch unterschiedlichste Landschaften, stinkend, schmutzig, frierend, schwitzend, angestrengt, lachend, weinend – eine Erfahrung, die ich nie vergessen werde. Zeit zum Reflektieren und Blogschreiben bleibt (vorerst!) keine. Reisezeit ist wertvoll und will nicht vergeutet werden!

Sechs Tage verbringe ich in Seattle und Vancouver und genieße Trinkwasser ohne Filtern, unendliche Auswahl an Nahrung und ein Bett. Häufig schaue ich fasziniert auf meine Hände und diese ungewohnt sauberen Fingernägeln (über die Fußnägel spreche ich lieber nicht – die brauchen noch Zeit und viele Duschen). Ab jetzt gelten andere (bzw. überhaupt wieder) Hygieneregeln. Meine bei einem Bekannten eines Bekannten gelagerten Klamotten bekomme ich zurück. Ich bin überfordert von der ganzen Auswahl und fühle mich fremd in den Stadtklamotten. Schuhe habe ich keine eingepackt (warum?) und so laufe ich stilecht mit meinen farbenfrohen Hokas durch die Gegend.

Ich lass mich in diesen Tagen treiben und habe keine Pläne. In Seattle verbringe ich mehrere Stunden täglich auf dem Pike Street Market, probiere mich durch verschiedene Gerichte und relaxe auf der Terrasse mit Blick auf den Pudget Sound. Ich habe kein großartiges Sightseeing geplant, sondern laufe ohne Ziele durch die Gegend. Oftmals finden sich so interessante Dinge, wie zum Beispiel ein Park mit großen verrosteten Industrieanlagen (Gas Works Park) oder Schleusenanlagen mit Fischtreppen (Ballard Locks und Ballard Locks Fish Ladder). Ansonsten hat sich die Obdachlosenlage in Seattle weiter verschlechtert seit ich vor 5 Jahren das letzte Mal hier war. Gerade im Stadtzentrum säumen hunderte Obdachlose und Drogenkonsumenten die Straße. Dazwischen gehen Einheimische und Touristen ihren Tagesgeschäften nach. Es ist schwer zu ertragen, wie normal das hier scheint. Auf einer Bank sitzen zwei schicke Ladys mit ihren Louis Vitton Taschen und zwei Bänke weiter spritzen sich zwei Unpriviligierte Gott weiß was. Seattle City Ambassadors passen auf allen öffentlichen Plätzen auf, dass sich ‚jeder willkommen fühlt‘. Ich fühle mich nicht besonders sicher und als einen Meter vor mir ein Apfel auf dem Gehweg zerplatzt, geworfen aus der Gruppe auf der gegenüberliegenden Straßenseite, verfluche ich die US-Städte innerlich und sehne mich nach dem Frieden auf dem Trail. Ein bisschen Frieden finde ich in der wunderbaren Bibliothek von Rem Kohlhaas. Hier plane ich inmitten einer bunt gemischten Menschenmenge meine kommende Reise. Einige Bibliothekbesucher bewegen sich rhytmisch an ihrem Platz zu scheinbar mitreißender Musik. Andere schauen Comedyshows und lachen herzhaft. Auf einigen Bildschirmen sehe ich Pornos und setze mich lieber etwas weiter weg. Wer Stunk sucht und zu laut ist, wird vom zahlreich vorhandenen Sicherheitspersonal aus der Bibliothek geschmissen. Seattle – ein echtes Erlebnis.

Ich bin erleichtert als ich aus Seattle abreise. Vancouver ist deutlich sicherer und sauberer. Das Hostel liegt prima in einer ruhigen Ecke in Westvancouver nur wenige Gehminuten zur Wasserfront mit Stränden und Parks. Auch hier ist kein Sightseeing angesagt. Die Nähe zum Stanley Park nutze ich für ein Testjogging und laufe gemütlich los. Ich renne und renne und warte, dass es anstrengend wird. Nach 15km (wohoo!) höre ich auf ohne, dass es anstrengend war. Wow! Diese Grundfitness müsste ich eigentlich ausnutzen und beibehalten. Aber wahrscheinlich bin ich Ende meiner Reise wieder unfit und fange zu Hause wieder von vorn an (oder mache nochmal eine Langstreckenwanderung). Besonders toll in Vancouver sind die Treffen mit Manon, Husband und Apollo. Einen Tag verbringen Manon, Husband und ich mit Schwatzen und -wer hätte es gedacht- Essen. Es ist so schön, die beiden wiederzusehen. Wir haben grob die ersten 2/3 Wochen auf dem Trail zusammen verbracht, bevor es für die beiden in die Sierras ging und ich Richtung Norden geflippt bin. Am nächsten Tag treffe ich Apollo. Wir sind die ganze Zeit bis auf die letzten beiden Wochen miteinander gewandert und sehr zusammengewachsen. Da wir alle in Europa wohnen, ist es kein ‚Goodbye‘, sondern nur ein ‚See you later‘ als wir uns verabschieden. Für mich ist es nun aber Zeit, Nordamerika und dem einkehrenden Winter (beim Unsteigen in Calgary sind es -9° und alles ist weiß geschneit) den Rücken zu kehren. Ob ein ‚Goodbye‘ oder ein ‚See you later‘ bleibt offen. Aber ein Teil meines Herzens wird immer hier sein.

Nun ist Zeit für etwas Neues und einen lang gehegten Traum (was für ein privilegiertes Jahr!!): 13 Jahre nach meiner missglückten Bemühung um ein Auslandssemester in Nagoya geht es endlich nach Japan. Vier Wochen habe ich Zeit. Die Reiseroute steht: Erst geht es jeweils für einige Tage nach Tokio, Hiroshima, Osaka und Kyoto. Eine kleine Stadtpause lege ich auf einem alten Pilgerweg, dem Kumano Kodo, ein. Anschließend möchte ich noch die Städte Nagoya und Kanazawa besichtigen.

Der erste Eindruck von Japan: Es ist grandios! Die Japaner sind sehr nett, die Orientierung und Verständigung ist dank Smartphone sehr leicht und die Atmosphäre ist ziemlich entspannt. Das liegt aber vielleicht auch an dem Stadtteil (Asakusa), in dem ich die ersten Tage in einem Hostel unterkomme.

Der Übergang vom Trail in das Reiseleben ist erstmal geglückt. Der Post-Trail-Blues hat keine Chance. Ich freue mich aufs Erkunden und versuche, hier davon zu berichten. Mal sehen, wie erfolgreich das wird 🙂

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