Nach unseren kleinen Pause starten wir in einen neuen Staat: Oregon. Wir gehen wieder nordwärts – Richtung Kanada! Es geht durch Wälder und über Lavafelder. Wir werden erstmals mit Feuer und Regen konfrontiert. Nach der extremen Hitze wird es etwas kühler und damit wird auch Kondensat im Zelt ein Thema. Meistens wandern wir zu dritt als Frauenrunde. Es scheint mir als ob unsere männlichen Mitwanderer die Frauenpower nicht aushalten 🙂
Die Auszeit ist vorbei. Wir packen und räumen auf. Als wir schon mit fertig gepackten Rucksäcken vor der Tür warten, liegen Eduardos Sachen noch immer überall verstreut. Wir meckern wie große Schwestern rum und versuchen, seine Packerei etwas zu beschleunigen. Dann gilt es, aus dem Vorort eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen. Skeptisch laufen wir zur nächsten Hauptstraße, bereit ein Uber zu rufen. Wir stehen noch nicht mal und da hält schon ein Auto an. Tina aus Ashland nimmt uns mit. Super! In der Post stopfen wir unsere Resupplies in Kartons und hiefen die Pakete auf den Tresen (23kg Essen – 4 Personen, 5 Tage). Tina bietet uns an, uns auch noch zum Trailhead zu fahren. Das nehmen wir dankbar an. Nun geht es wieder los. Ich fühle mich ziemlich erholt, aber mir scheint, meine Muskeln haben das Wandern verlernt. Wir schniefen und kämpfen uns knallrot den Hügel hoch. Schon nach 15km beschließen wir zu campen. Beim Zeltaufbau ertönt lautes dänisches Fluchen. Clumsys reparierte Zeltstange (Verbindungsstück) bricht wieder. Sie unwickelt die Stelle mit Panzertape. Es sieht etwas ulkig aus, aber hält erstaunlicherweise. Eduardo schleicht vorbei – er ist einige Meilen in die falsche Richtung gelaufen. Hat wohl vergessen, dass wir ab jetzt wieder nordwärts unterwegs sind. Er will noch weitergehen, damit er länger schlafen kann. Nach dem Abendessen machen wir Planks. Für Oregon haben wir uns vorgenommen, jeden Tag ein paar Sekunden länger durchzuhalten. Mal sehen. Nachts kommt ein – den Geräuschen nach zu urteilen – sehr großes Tier vorbei und schnieft laut. Ich liege mit klopfenden Herzen wach und warte, was passiert. Das Tier geht aber nur vorbei. Glück gehabt.











Die wenigen Kilometern vom Vortag wollen wir heute aufholen und laufen 5:30 Uhr los. Erster Stopp ist eine Wasserquelle, an der wir auch Eduardo vorfinden. Seinen Schlafplatz hat er mitten auf der Wiese gewählt. Da wird sein Schlafsack schön nass sein… Wir wecken ihn, aber wie immer winkt er ab und meint, er holt uns später ein. Wir kommen gut voran und machen Mittagspause an einem verlassenen Campingplatz am See und können an einem richtigen Tisch sitzen! Nachmittags treffen wir eine Ferienlagergruppe. Kurzerhand werden wir zu Vorführobjekten und beantworten Fragen. Warum wir durch ein komplettes Land wandern, wollen die Kinder wissen. Als wir antworten, dass es uns Spaß macht, ernten wir skeptische Blicke. Nach einer Weile erreichen wir einen weiteren verlassenen Campingplatz, an dem wir wieder an einem Tisch essen können. Wir fühlen uns richtig kultiviert, mal nicht im Dreck zu hocken. Außerdem gibt es Toiletten mit fließendem Wasser und sauberen, kostenlosen Duschen (!). Das nutze ich aus und dusche kurz. Anschließend lasse mich lufttrocknen, denn mein Handtuch habe ich aussortiert um Gewicht zu sparen. Die letzte Stunde nach der Pause ist mühsam. Nach knapp 40km erreichen wir eine Zeltstelle und kriechen kurz danach (nach den Planks) in die Schlafsäcke. Eduardo hat uns, wie erwartet, nicht eingeholt. Vielleicht morgen.













Die Nacht war es ziemlich kalt und das Aufstehen um 5 Uhr fällt schwer. Bergauf wird uns allerdings gleich warm. Ich möchte die nächsten Tage alleine wandern und lasse mich zurückfallen. Der Wald ist gesund und friedlich. Nach einigen Kilometern bergauf gibt es schöne Aussichten auf die umliegende Hügellandschaft zu sehen. Während ich am Handy einige Nachrichten beantworte (es gibt ein wenig Empfang) kommt Sara vorbei, die wir mehrmals unterwegs getroffen haben. Sie meint, dass es in einigen Kilometern Trailmagic geben soll. Erst gestern hat Clumsy das Universum um Trailmagic gebeten (Superpower?). Voller Vorfreude laufe ich los und hoffe unterwegs, dass diese Information korrekt ist. Ich bin schon auf kalte Coca Cola und Burger eingestellt. Ich nähere mich der besagten Stelle und sehe schon bunte Farben zwischen den Bäumen schillern. Juhu! Die Vereinigung Public Lands bietet hier Trailmagic an. Es gibt kalte Getränke, Burger, Obst, Campingstühle und Hängematten! Wir verbringen eine schöne Zeit. Es sind auch andere Wanderer da, die außer Sara eher Trauerklöße sind. Vielleicht haben sie gerade ein Tief wie ich vor einigen Wochen. Ich versuche sie zu einer Laolawelle zu motivieren, aber das Ergebnis ist etwas traurig. Als etwas später ein Wanderer, den ich Giftzwerg Ben nenne, dazukommt, suche ich das Weite. Es gibt nur wenige Leute, die ich hier nicht mag. Aber dieses Exemplar ist sehr unangenehm. Wir haben sowieso noch viele Kilometer vor uns und es war schon spät. Kein Problem auf dem weichen Waldboden, denke ich mir. Ich war überhaupt nicht auf die ausgedehnten Steinfelder vorbereitet und erreiche wirklich ziemlich kaputt nach immerhin 38km das Camp. Die Planks sind trotzdem noch drin.





















Am nächsten Tag schlafen wir aus. 5:30 Uhr klingelt der Wecker, aber ich war schon wach. Ich wandere wieder alleine und genieße das monotone Geräusch meiner Schritte. Ich denke über eine kleine Ausstellung nach und habe ziemlich viele Ideen dafür. An einer Wasserquelle (der letzten für 20km) sammeln sich viele Wanderer. Ein besonders neugieriges Chipmunk versucht aus den Rucksäcken Essen zu stehlen. Es ist erfolgreich und ergattert etwas Popcorn. Wir waren zu langsam um es zu verscheuchen. Ein Wanderer kommt vorbei und läuft einfach weiter. Wir schauen uns verdutzt an und rufen hinterher, ob er kein Wasser braucht. Er kommt zurück und sagt, sein Handy (inkl. der App mit allen Wasserquellen) ist aus und er weiß nicht, wo Wasser ist. Die nächste Wasserquelle ist 30 km entfernt. Das wäre hart geworden so ohne Wasser. Nach dem schönen Waldbodentrail geht es auf in einer burnt area bergauf. Ich studiere die Topokarte und sehe, dass es für 1 Stunde so weitergeht. Alle paar Meter muss man über umgestürzte Bäume klettern. Darauf war ich nicht vorbereitet und stapfe vor mich hinschimpfend den Grat entlang. Hinter mir taucht in einem Affenzahn ein Wanderer auf. Ich lasse ihn passieren und wir quatschen einige Minuten stehend. Es stellt sich heraus, dass das Salty ist. Diesen Namen habe ich in den vergangenen Wochen sehr oft in den Trailregistern gelesen. Es ist schön nun endlich die Person dazu zu kennen. Wir wandern eine Stunde zusammen, d.h. ich hetze hinter ihm her und schnappe nach Luft. Er ist gestern 36 Meilen gewandert und will das heute wiederholen – einfach nur crazy! Ich bin physisch gar nicht dazu in der Lage. Nach einer Weile muss er los und ich schaue nur seiner Staubwolke nach. Vertieft im Gespräch und Hetzen habe ich die tolle Landschaft um mich herum gar nicht richtig wahrgenommen. Das hole ich in meinem Tempo mit Celine Dion in den Ohren nach und schlendere bergab. Eduardo hat uns zwischenzeitlich überholt und ich finde ihn an einer Wasserquelle vor. Wir haben noch einige Kilometer vor uns und ich fülle nur kurz Wasser auf und mache mich mit neuer Musik bereit für den Endspurt. Doch nach 100m sehe ich die Mädels neben ihren Rucksäcken sitzen. Sie haben eine Zeltstelle mit genialer Aussicht auf die umliegenden Wälder gefunden und schlagen vor, hier zu bleiben. Gute Idee! Die fehlenden Kilometer können wir morgen schnell aufholen. Wir rufen Eduardo dazu und essen endlich mal zusammen.













Am nächsten Tag klingelt der Wecker um 4 Uhr. Ich habe wieder ohne Regencover geschlafen und nachts die Sterne beobachtet und einige Sternschnuppen gesehen. Das werde ich zu Hause auf jeden Fall vermissen! Heute haben wir 35km bis zum Campground in Crater Lake National Park vor uns, wo wir ein Paket haben, duschen, Wäsche waschen und laden wollen. Es geht fast nur bergab, aber der Tag ist schwer für mich. Meine Hüfte drückte in den letzten Tagen etwas, aber heute tut sie wirklich weh. Jede halbe Stunde muss ich Pause machen. Ich quäle mich durch den Tag und komme endlich am Parkplatz an. Von dort müsste man noch weiter auf der Straße laufen, aber Clumsy hat sich schon um eine Mitfahrgelegenheit gekümmert. Das freut mich sehr. Auf dem Campingplatz sind sehr viele Wanderer. Ich weiß nicht genau, warum, aber je weiter wir nördlich sind desto unfreundlicher die PCTler. Es gibt einige etablierte Gruppen. Die wollen vielleicht eher für sich bleiben. Manche sind vielleicht auch in einem Tief. Die Atmosphäre unter den Wanderern hat sich jedenfalls ganz schön verändert. Und mir fällt es heute besonders auf, weil ich ziemlich erschöpft bin und mir die vielen Menschen zu viel sind. Zumindest treffen wir Salty und Corpsi wieder und essen nach unseren Aufgaben gemeinsam im Restaurant. Erst 22 Uhr geht es in die Zelte. Aber morgen können wir ja ausschlafen.







Um 5:30 liege ich mit offenen Augen im Zelt. Ich stehe auf und setze mich zum Laden meines Handys in den Waschraum bis das Restaurant um 7 Uhr aufmacht. Eduardo kann auch nicht schlafen und wartet ab 6:30 mit mir aufs Restaurant. Dort ‚betrinken‘ wir uns ab 7:00 den Kaffee. In den USA gibt es ja die Refills – Kaffee ohne Ende. Um 11 Uhr nehmen wir den Trolley zur Ranger Station. Er ist voll mit Hikern. Kurz vor Abfahrt hetzt ein stinkiger Hiker in den Bus und setzt sich zwischen uns anderen Geduschten und Duftenden. Es war Rango! Er hat uns eingeholt – wie schön. Und er hat ein neues Basecap. Es steht Captain drauf. Ich beneide ihn dafür und schmiede Pläne, wie ich es ihm abluchsen kann. An der Ranger Station angekommen, bemühen wir uns um eine Erlaubnis für einen Zeltplatz im Nationalpark und haben Glück: noch einer frei. Danach hitchen wir zum Rim Village – das Besucherzentrum des National Parks auf der Ladefläche eines Pickups. Der Wind bläst uns um die Nase. Wir genießen die Fahrt im schönen Wald. Vor 4 Jahren war ich schon mal hier mit Cyril. Das ruft schöne Erinnerungen hervor. Wir verbringen den Tag mit Internet und viel Cola und treffen Overturf, den wir das letzte Mal in der Wüste gesehen haben. Gegen 5 Uhr machen wir uns auf den Weg zum Zeltplatz und schießen unterwegs viele Fotos vom imposanten See, der durch einen Vulkanausbruch entstanden ist. Durch die leeren Magmakammern ist der stattliche Berg einfach zusammengefallen. Den Abend verbringen wir am Zeltplatz und essen zusammen mit Salty und Co. Ganz nette Leute. Sie würden ganz gut in unsere Truppe passen, aber sind viel zu schnell für uns.















3 Uhr klingelt der Wecker. Wir packen im Licht unserer Stirnlampen zusammen und machen uns auf den Weg auf den Watchman. Von hier wollen wir den Sonnenaufgang über dem See sehen. Die 10km laufen wir flink im Mondlicht und erreichen als erste Gruppe den Aussichtspunkt. Wir setzen uns in die erste Reihe auf die Absperrung und packen uns gut ein. Es ist ziemlich kalt. Eine Stunde später kuckt die Sonne über den Horizont. Mittlerweile sind noch 2 andere Gruppen dazugekommen, alles PCTler. Unter anderem auch Riverdance, der auch ein unangenehmer Zeitgenosse ist. Wir 3 Mädels sind ihm zu laut und wagen es, manchmal vor ihm anzukommen… Grumpy hätte wohl besser als Trailname gepasst. Wenn er uns morgens überholt, grüßt er nicht mal. Sobald die Sonne da ist, hetzen alle los. Auch wir haben 40km vor uns, aber gehen etwas gemütlicher los. Am Vormittag habe ich richtig viel Energie und überhole alle. Diesmal schauen sie nur meiner Staubwolke nach. Nach der Mittagspause kämpfe ich allerdings. Ich glaube, ich habe zu viel Schokolade gegessen. Als ich bemerke, dass ich mein Bandana (ein Geschenk von Astrid) vergessen habe, schreibe ich eine Nachricht an Eduardo. Er hat natürlich wieder ausgeschlafen und ist hinter uns. Vielleicht hat er ja zufällig Lust, zum Aussichtspunkt zu gehen und nach meinem Bandana zu schauen. Unsere Zeltstelle ist sehr idyllisch mit Blick auf Mount Thielsen. Es sind alle anderen Hiker hier aus unserer Bubble (Ansammlung von Wanderern mit ähnlichem Tempo). Zusammen essen wir und nach den Planks gehts in die Schlafsäcke. Es war ein langer Tag.











Die nächste richtige Stadt ist einige Tage entfernt. Bis dahin kommen wir allerdings an einigen Resorts vorbei, wo wir ab und an ein kaltes Getränk bekommen können. Das motiviert mich. Die Motivation ist auch zwingend notwendig, denn ich habe gar nicht geschlafen. Egal wie ich mich hingelegt habe, irgendwas tat weh. Insbesondere die Hüfte. Außerdem wache ich mit Kopfschmerzen auf. Es ist klar, dass es heute ein schwieriger Tag wird. Ein neues gutes Hörbuch hilft (Als Großmutter im Regen tanzte). Ich laufe alleine und treffe die Mädels meistens zur Pause. Die gute Stimmung, die sie verbreiten, muntert mich immer auf. Bis Eduardo plötzlich reinstürmt und meint, wir wären zu langsam und müssten ab jetzt jeden Tag 42km laufen. So langsam geht mir das auf den Zeiger. Wir beschließen, einen Plan zu entwickeln und dann zu sehen. Das Gestresse ohne einen fundierten Plan nervt einfach nur und drückt die Stimmung. Besonders heute mit den Schmerzen. Wir überschreiten die 2000km heute, aber ich bin nicht so recht in Feierlaune. Der Tag vergeht. Plötzlich sehe ich Clumsy mitten auf dem Weg sitzen und denke noch, was für eine komische Stelle zum Pausieren. Auf die Frage, ob alles OK sei, antwortet sie weinend nein. Sie hat auf den Weg geschaut und den in Kopfhöhe quer über den Weg liegenden Baumstamm nicht gesehen und ist dagegen gedonnert. Clumsy eben. Es blutet nichts. Ich helfe ihr auf und klopfe den Staub ab. Dann geht es weiter bis zu einem Watercache. Von dort nehmen wir die Alternativroute, die uns etwas leichter mit wenigen Höhenmetern am nächsten Tag zu Shelter Cove bringt. Da es der alte PCT ist, fühle ich mich nicht schlecht dabei. Nach dem Abendessen am Watercache geht es noch einige Kilometer weiter bevor wir uns in unsere Schlafsäcke betten.










5:00 Uhr klingelt der Wecker. Es sind 30km bis Shelter Cove, wo uns ein Imbiss erwartet. Da es flach ist, kommen wir gut voran. Pause machen wir an einem Naturcampingplatz mit Tischen. Ich freue mich immer sehr an einem richtigen Tisch essen zu können und gönne mir einen Instantkaffee. Gegen 14 Uhr erreichen wir Shelter Cove und genießen Burger, Kaltgetränke und den hübschen Odell-See. Es sind sehr viele andere Wanderer da. Davon leider viele, die ich eher so lala finde (laute, immerzu redende und sich dabei wiederholende, schlecht gelaunte). Aber wir treffen auch Salty und seine Gruppe. Außerdem einen netten Berliner (aber in Leipzig geboren und aufgewachsen). Wir laden unsere Elektrogeräte, essen, spielen Karten und plaudern. Der schlecht gelaunte Riverdance ist auch hier und will gerade ansetzen über uns zu reden (warum wir schon wieder vor ihm hier sind, wie das sein kann, etc) als Clumsy sich umdreht und ihn fragt, ob er etwa über uns lästern will. Er wusste nicht, dass wir hinter ihm sitzen. Sein Gesicht war lustig. Direktheit können die Amis nicht abhaben und er stottert irgendwelche komischen Worte und wird rot. Ich versuche nur innerlich zu lachen, was mir halb gelingt. 18:30 Uhr wollen wir noch 10km weiter. Wir Mädels stehen fertig gepackt da. Nur Eduardo ist mal wieder spät dran. Nach 20 Minuten ist er endlich soweit. Nervig! Jetzt müssen wir das letzte Stück im Dunkeln gehen. Wir rennen förmlich den Berg hoch und die 10km sind schnell geschafft (5km/h). Unsere Zeltstelle liegt an einem wunderschönen kleinen See an dem ich noch eine kleine Weile im Dunkeln sitze und den Miniwellen zuhöre bevor ich ins Bett gehe. Es ist ganz schön, schon eher zu essen und im Camp nur noch das Zelt aufbauen zu müssen.

















Am nächsten Morgen werden wir wach und sehen die Rauchschwaden. Schon in den letzten Tagen lag immer Rauchgeruch in der Luft, der mich irgendwie an zu Hause, den Ofen und Herbst erinnert. Wir sind etwas besorgt und haben zum Glück etwas Empfang, so dass wir recherchieren können. Es müsste der Rauch vom Bedrock-Feuer sein, dass westlich von uns liegt. Es scheint weit genug vom PCT weg zu sein und es gibt keine Sperrungen. Allerdings weht der Wind recht stark aus Westen und bevor wir aufbrechen lesen wir lieber nochmal nach, was zu tun ist, wenn wir auf Feuer treffen (umdrehen, Schutzsuchen auf Wiese, im Schlamm oder im See, immer Schutzplätze merken um ggf. darauf zurück zu greifen, notfalls flach hinlegen und ein Loch graben, in dem der Kopf liegen soll). Je höher wir steigen, desto besser wird es mit dem Rauch bis er ganz weg ist. Von oben sehen wir die Rauchschicht und sind froh, nicht den ganzen Tag darin zu wandern. Die Mittagspause verbringen wir an einem See, in dem ich schwimmen gehe (und versuche Dreck und Gestank loszuwerden). Direkt nach dem See und bis dahin gesundem Wald wandelt sich die Landschaft und wird zu einer apokalyptischen Gegend. Hier loderte scheinbar erst in den letzten Jahren ein Feuer. Es gibt keine grünen Pflanzen, nur Asche und verbrannte Baumstümpfe. Wir sind schon durch viele verbrannte Gegenden gelaufen, aber diese hier ist besonders. Es sieht aus, wie in einem Film in dem die Erde untergeht. Ich bin ganz schön erleichtert als es nach einigen Kilometern wieder in einen grünen Wald übergeht. Ich kämpfe etwas am Ende, weil meine Blasen durch die längeren Tagesstrecken wachsen und bin froh als ich unser Tagesziel an einem See erreiche. Wieder liegt Rauch in der Luft. Wir essen, planken und gehen erschöpft ins Bett. Eduardo ist nicht da. Er ist wahrscheinlich noch am selben See wie am Morgen, weil es dort Handyempfang gab (Später stellt sich raus, dass er wirklich bis 16uhr dort war. Aber wir sind zu langsam. Hmm.)










Heute ist etwas der Wurm drin. Wir sind alle demotiviert, obwohl ein Meilenstein ansteht: Wir werden heute den Midpoint überschreiten. Vielleicht sind wir auch genau deswegen demotiviert – erst die Hälfte geschafft? 2,5 Monate im Zelt, fast jeden Tag wandernd liegen hinter uns. Es fühlt sich schnell und langsam zugleich an. Wir machen, was wir immer machen: laufen los unf setzen einen Schritt vor den anderen. Der Wald ist schön und der Boden lässt sich prima laufen. Irgendwann ist Eduardo da. Wir streiten uns über den Meilenmarker für den Midpoint. Ich und Apollo haben ein fast übereinstimmendes Ergebnis, aber Eduardo ist anderer Meinung und zieht auch nicht in Betracht, dass er falsch liegen könnte. Schon allein das macht mich wütend. Ich schlucke meinen Ärger runter. Die Klügere gibt nach. Immerhin bringt er von einem Resort Cola, Bier und Muffin zu seinem Midpoint. Das ist nett. Trotzdem nehme ich das nur widerwillig. Er bleibt, wie sollte es anders sein, im Resort und wir Mädels gehen weiter. Schon den ganzen Vormittag gab es dunkle Wolken. Der Wetterbericht hat auch Gewitter und Regen angekündigt. Wir laufen trotzdem los und kurz nach Abmarsch beginnt es zu regnen und zu donnern. Ich bin eine Schisserin bei Gewitter und zucke jedes Mal beim Donner zusammen. Nach kurzer Zeit sind wir nass. Ich gehe die Sachen in meinem Rucksack durch und denke/ hoffe, dass alles trocken in Drybags verstaut ist. Meine teure Regenjacke saugt sich sofort mit Regen voll anstelle ihn abzuperlen. Atmungsaktivität adé! Die 18km vergehen recht schnell. Als wir durchnässt an den Zeltstellen ankommen, sind viele Pläze mit Wochenendwanderern belegt. Wir finden zum Glück noch ein kleines Plätzchen und bauen unser Zelt auf. Mein Rucksack ist durchtränkt inklusive meiner Daunenjacke, die nicht in einem wasserdichten Sack war. So eine Idiotin! Ich ärgere mich über mich selbst und hoffe, die Jacke kann trocknen und hat keinen Schaden genommen. Wir essen unser extra für den Midpoint gekauftes Backpackermeal zu 10$ pro Tüte klitschnass im leichten Regen. Ein trauriger Haufen. Aber wir freuen uns trotzdem, denn wir sind einen neuen Streckenrekord gelaufen: knapp 45km und das im Regen. Morgen können wir unsere Sachen hoffentlich trocknen.

















Am nächsten Morgen fällt das Aufstehen schwer. Alles ist nass und kalt. Zur Regennässe kommt Kondensation, weil wir in einer Senke unser Lager aufgebaut haben. Wir stopfen alles nass in die nassen Rucksäcke und marschieren los, damit uns warm wird. Ich trage meine lange Merinohose und mein Fleece, weil meine Wanderkleidung noch zu nass ist. Socken und Schuhe kommen nass an die Füße, dafür gibt es keine Alternative. Der Himmel ist wolkenbedeckt. Sobald sich ein bisschen Sonne durchkämpft stoppen wir und legen die Sachen zum Trocknen aus. Wir sitzen am Wegesrand und hören von Weitem Geschwatze. Ich denke noch, wer redet denn am frühen trüben Morgen so viel beim Wandern als Rave und Clark auftauchen, ein nettes junges Ehepaar aus Amerika. Wir kennen sie von Scout und Frodo und haben sie in den ersten Tagen immer mal gesehen. Bis sie nach einer Woche verkünden:“Ab jetzt laufen wir 30km“. Und weg waren sie. Wir sehen sie nur wieder, weil sie 2 Wochen Pause gemacht haben um zu Hochzeiten zu gehen. Wir tauschen unsere Geschichten aus. Sie sind recht lange mit Constant gewandert, mit dem Manon und ich vor 2,5 Monaten in der Wüste gestartet sind. Wir hàtten uns eigentlich sehen müssen als wir südwärts gelaufen sind. Leider hatten sie an diesem Tag ihre 24 Stunden Challenge und sind an unserem Lager gegen 21 Uhr vorbeigekommen als wir làngst geschlafen haben. Wir waren die ganze Zeit über unsere App verbunden und konnten sehen, wo der andere gerade steckt. Den ganzen Tag über war ich aufgeregt und dachte, dass jeder entgegenkommende Wanderer Constant ist. Leider kam er nicht tagsüber, sondern in der Nacht (20 Uhr ist Hikermidnight). Als sie an unserem Lager vorbeikamen, meinte Constant noch, in einem dieser Zelte schläft Bianka. Zumindest hat er an mich gedacht. Wir quatschen viel zu lange und verabschieden uns schließlich. Ich bin zu langsam und verliere die beiden Mädels schnell. Nach einigen Kilometern kommt wieder die Sonne raus und ich lege Daunenjacke zum Trocknen aus während ich Wasser filtere. Außerdem schlüpfe ich in die noch immer nassen Wanderklamotten. Sie trocknen am Körper besser, hoffe ich. Weiter gehts durch schönen Wald mit schon wieder dunklen Wolken. Wir sind in der 3 Sisters Wilderness benannt nach 3 Bergen. Es sind sehr viele Tagesausflügler unterwegs. Scheint eine beliebte Gegend zu sein für die Städter. Ich habe aufgegeben, die Mädels heute noch vor dem Camp zu sehen, aber treffe sie auf einem Steinfeld mit ausgebreiteten Rucksackinhalt zum Trocknen. Ich lege meinen Kram dazu. Meine Klamotten sind inzwischen trocken und die Daunenjacke halbtrocken. Nach der Pause geht es weiter durch Lavalandschaften mit Blick auf Berge und sich auftürmenden Wolken. Wir rennen etwas gegen die Zeit und bleiben nicht zu oft stehen. Es sind Regen und Gewitter angekündigt. Diesmal sind wir aber besser vorbereitet: Ich habe alles in Packsäcken verstaut und diese in einem Liner (große Tüte im Rucksack). Regenjacke und -hosen sind ganz oben. Soll der Regen doch kommen! Wir wandern zusammen und machen gegen 17:30 Pause zum Abendessen. Vor uns liegen noch 10 Kilometer, davon 7km auf einem Lavafeld bergauf. Die Lavafelder sehen echt genial aus, aber sind extrem schwer zu laufen. Ständig knickt man um oder bleibt mit den Wanderstöcken stecken. Trotzdem gehen wir das an, denn morgen kommen wir nach Sisters, wo wir in einem Hotel schlafen wollen. Es beginnt zu regnen und wir laufen los. Schritt für Schritt geht es bergauf. Ich bin etwas hinter den Mädels und höre ein Hörbuch. Langsam wird es dunkel und das Hörbuch ist etwas gruselig. Als es dann neben mir knackt, gehe ich schneller. Mit Adrenalin im Blut geht es plötzlich doch schneller. Ich erreiche die Mädels und setze meine Stirnlampe auf. Und dann haben wir es geschafft! Direkt hinter dem Lavafeld ist eine passende Zeltstelle. Im Dunkeln bauen wir die Zelte auf und kriechen hinein. Trotz Regen, nassen Klamotten, langem Schwatz, Klamotten trocknen, Lavafeld sind wir 42km gelaufen und können stolz auf uns sein!






























4:30 Uhr klingelt der Wecker und voller Vorfreude auf die Stadt und die Dusche (der Geruch ist diesmal kaum auszuhalten) laufen wir los. Es sind noch 20km, die wir bis 9:45 Uhr bewältigt haben. Der Weg führt uns durch verbrannten Wald, der aber mit all dem Nebel sehr atmosphärisch ist. Ich höre dazu Klaviermusik und es ist extrem entspannend. Der Weg läuft sich fast allein. Weicher Waldboden ohne Steine oder Wurzeln! Wir erreichen die Straße, ein großer vielbefahrener Highway. Es wird schwer von hier eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen. Nach 15 Minuten hält ein Auto. Es ist eine Dame, die uns zuvor entgegen kam und voller Mitleid umdreht. Juhu! Sisters wir kommen! Erster Stopp ist die Bäckerei. Hier gibt es Kaffee und einen Scone mit Käse und Spinat. Lecker! Danach besuchen wir einen Ausrüstungsshop. Die nette Dame gibt uns Bier (für PCT Hiker). Wir verweilen lange, tragen uns in den Trailregister ein, schauen uns um. Plötzlich steht Jason und Splinter vor uns. Was!? Er war eigentlich weit vor uns. Jason ist Architekt aus Adelaide und wir haben uns in der Wüste und ein mal beim Südwärtsgehen getroffen. Es ist so schön ständig unerwartet bekannte Gesichter zu sehen und neue Trailgeschichten zu hören. Nach einem Plausch geht es weiter zum Einkaufen. Zuerst gehen wir meistens in einen günstigen Laden. Dieser liegt direkt neben unserem Hotel, in das wir anschließend einchecken. Das Zimmer ist schön groß mit 2 Betten und einer Couch. Außerdem gibt es eine Terrasse und eine kleine Wiese davor. In einem anderen Geschäft kaufen wir Baguette (das Beste in den USA!), Käse, Kräuterbutter, Früchte, Wein und Hühnchen und lassen uns das Essen im Zimmer schmecken. Unsere Sachen liegen ausgebreitet in der Sonne zum Trocknen. Wir duschen und waschen unsere Kleidung und genießen das Leben im trockenen, duftenden, sauberen Zustand. Die anderen gehen abends aus, aber ich bleibe hier und erhole mich vom social overflow. Morgen geht es weiter. Der nächste Stopp ist schon Cascade Locks in 7 Tagen. Das ist die Grenze zwischen Oregon und Washington. Von dort berichte ich wieder. Bis dahin eine gute Zeit für alle LeserInnen. Ich drücke euch aus der Ferne ❤️









